Die Schlägerei in der Küche

1

Anton schlich sich an diesem Montagmorgen besonders vorsichtig aus dem Schlafzimmer in den Gang, da er niemanden wecken wollte. Ausgerechnet in dieser Nacht hatte er geträumt. Es war ein rechtsradikaler Traum, denn sein rechter Arm sprach zu ihm. Aus den einzelnen Fingern kamen Worte heraus. Es waren zornige Worte und im Grunde eine brennende Rede. Der träumende Oskar war von dem,  was er hörte vollkommen erschöpft und er wusste, dass er nun eine mächtige Dosis Gehirnwäsche erhalten hatte. Schon jetzt hatte er Angst davor.

Er hatte Medizin studiert und er promovierte im Fach der Hirnforschung.  Es gab nahezu nichts, was fragiler war am Menschen, als der Kopfinhalt.
Anton war sich im Traum klar, dass er träumte. Er konnte aber nicht aufwachen, der Schlaf hatte ihn vollkommen im Griff.
Und der Traum genauso.

Denn Oskars Arm wurde im Traum immer wieder in der ganzen Länge nach oben gestreckt und die Stimmen aus den einzelnen Fingern wurden immer lauter, zorniger. Dann hörte er sogar aus seinem eigenen Arm die Originalstimme des bereits sehr lange schon vollkommen toten Führers.

Oskar befand sich in einem großen Raum, dort sah es aus wie in der Notaufnahme eines  Krankenhauses mit einer großen und breiten Schiebetür. Um ihn herum saßen und lagen Menschen, an den Arm-Operationen – insbesondere Streckungen nach vorne sowie Verlängerungen mittels fleischfarbenem Silikonpolster-  ohne Narkose durchgeführt wurden.
Obwohl es sehr laut war, verstand er nichts,  nur ab und zu drangen einige Wortfetzen aus den Händen an sein Ohr. Und die operativ manipulierten Gliedmaßen streckten sich unmissverständlich zum Gruß nach vorne, ununterbrochen hieben und senkten sich die verlängerten, im Grunde zu Roboterarmen operierten Arme, hin und her. Auch Oskars Arm tat dasselbe.

Oskar träumte weiter, dass er nun eine Gehirnwäsche durch eine bestimmte Art von Strom erhalten sollte.
Sie wollen Dir einen Flüchtlingsstrom durch dein Gehirn hindurchjagen, sagten ihm vollständig in blau gekleidete Menschen, die sich ihm näherten. Man würde im seinen Kopf zuerst einmal ordentlich vereisen, das wäre das einzige, was er spüren würde, Eiseskälte. Mehr nicht. Das würde er auch in der Herzgegend spüren, wegen des Vagusreizes, das wäre normal. Aber den Flüchtlingsstrom, den hätte er dann immer in sich.

Der sehr lang in seinem Traum nach oben ausgestreckte Arm schien sich über diese weitere ganz offensichtlich rechtsradikale Intervention zu freuen, denn er sah, wie sein Arm sich freudig bewegte, ähnlich wie bei Hunden der Schwanz. Und Oskar spürte wie vor Angst schon jetzt sein Herz laut pochte. Er hatte Angst vor Strom, und hatte Angst vor den blau gekleideten Menschen. Außerdem wusste er Bescheid, denn er hatte einige Vorlesungen Medizingeschichte besucht. Damals wurde es ihm immer schlecht.

Schnell sprang er von der Liege, rempelte einiger der medizinischen Akteure und rannte aus dem Schlaf um sein Leben. Aber vor allem wachte er endlich auf, weil das Gewicht der Bettdecke, die über dem rechten Arm baumelte so schwer wurde, und sein ganzer Arm ihm der Länge nach sehr weh tat. Er stand auf,  fasste sich zuerst an den  Kopf. Er war normal warm. Nur seine Haare waren klatschnass. Er schaute neben das Bett und vorsichtshalber auch unter dem Bett. Niemand da. Bis auf das.

Nein, das war unmöglich, denn dort  lag ein ausgerissener, ganz offensichtlich rechtsradikal bekleideter Arm mitsamt Hand und Fingern.

2

Am Freitagnacht war überraschenderweise der Besuch gekommen. Und seit Sonntag, 16 Uhr fuhren keinerlei Züge mehr. Es wurde behauptet, dass Signalstörungen sowie Aufräumarbeiten an den Gleisen die Gründe dafür sind. Schon am Nachmittag stürmte und regnete es in Strömen.
Bäume knickten um wie Streichhölzer berichteten Medien und im Fernsehen liefen ununterbrochen Filmclips, die das Ausmaß einer Naturkatastrophe zeigten. Ab und zu wurden diese erschreckenden Bilder durch Werbung aufgeweicht. Es wurde auch wieder von dem Flüchtlingsstrom  berichtet, der immer noch seit 2015 eine Schneise der Verwüstung  durch das weite  Meer zog.  Oskars Besuch waren Verwandte.  Sie glaubten nicht an irgendwelche Signalstörungen – Sie meinten, es läge an politischen Unruhen, wegen den Flüchtlingen.

„Welche politischen Unruhen?“ fragte Anton nach dem Frühstück. „Ihr hattet doch schon bei der Herfahrt Unwetter!“ legte er schnell nach und schraubte das Marmeladenglas zu. Anton war sich plötzlich nicht sicher – politische Unruhen? Er schaute er aus dem Fenster. Sah nur das Dunkel, viel grau. Er sah Regen. Aber nur, weil er genau auf die Straße schaute.  Aber Ströme waren das nicht. – „So ein Schwachsinn“ sagte Thorsten.

„Ihr spürt es einfach nicht. Dass es hier Dinge gibt, die es nicht mehr gibt!“ sagte er und stand auf.
Oskar war immer noch in das Betrachten des Regens vertieft, sah sich dann am Tisch um, zählte die Anwesenden und war froh, dass auch Thorsten, sein Cousin da war.

Der stille Thorsten. Der jetzt etwas gesagt hatte. Danach stellte sich eine Nervosität bei allen ein, die zu früheren Zeiten meist in Streit ausartete.
Doch Argumente hatte Thorsten immer.
Er hatte es bis heute geschafft, in ordentlichen finanziellen Verhältnissen zu leben, obwohl er nur künstlerisch begabt war.
Realisten hatten ihm das abgesprochen. Sie hatten ihm ein Leben unter der Brücke prophezeit. Bis  tief in die verregnete und stürmische Nacht hatten sie spekuliert, was politische Unruhen sein könnten und was denn nun Flüchtlingsströme genau sind und was man überhaupt tun könne, wenn z. B. der Strom  ausfällt, oder wenn es tatsächlich dazu käme, dass plötzlich nichts mehr da wäre vom Frieden außer Handgemenge beim Geldabheben oder beim Einkaufen. – Ob man das tatsächlich den Flüchtlingen unterschieben könnte?

Alle gingen niedergeschlagen zu Bett, in der Wohnung wurden improvisierte Schlaflager gebaut.

3

Und so wollte Oskar morgens im Gang wirklich niemanden wecken, er bewegte sich leise, er wollte auch noch niemanden sehen und etwas sagen müssen.
Zudem, was er gerade unterm seinem Bett entdeckt hatte und was er noch vage aus seinem Traum erinnerte.
Er hatte das große Bedürfnis schnell etwas kaltes zu trinken.
Er schlich vorsichtig zum Lichtschalter und war erleichtert, dass der Strom funktionierte.
Vermutlich hatten ihn die Gespräche der letzten Nacht und sein seltsamer Traum jetzt überempfindlich werden lassen.

Als er die die Küchentür öffnete, war er schon da, der ganze rechtsradikale Arm mit der umwickelten Oberarmbinde und sie flog auf ihn zu wie ein Pfeil, schlug ihm mit aller Wucht des 3. Reiches ins Gesicht.  Oskar konnte sich gerade noch am Türgriff festhalten, spürte allerdings, dass im warmes Blut aus der Nase tropfte.

Er riss beide Arme vor sein Gesicht, weil der freischwebende rechtsradikale – aus irgendeinem Rumpf herausgerissene – Arm aufs Neue auf ihn zuschoss und er sein Gesicht dieses mal schützen wollte.
Was ihm insgesamt zweimal misslang.
Jedes mal flog der Arm blitzschnell in der Küche umher schlug Haken wie ein wildes Tier, blieb manchmal für einige Minuten leblos am Boden liegen, dass Anton dachte, es sei vorbei.
Doch weit gefehlt.  Jedes mal landete die Faust im Gesicht von Oskar, der inzwischen eine gebrochene Nase hatte und dem ein Zahn fehlte.

Oskar hechtete zu Spüle und hielt sich am Beckenrand fest. Er hatte viel eingesteckt. Der Arm lag ausgestreckt auf dem Küchentisch, daneben das Brotmesser. Er überlegte nicht sondern warf sich auf den Tisch und begrub den ganzen Arm unter seinem Gewicht. Er zappelte, die einzelnen Finger versuchten sich in seinen Bauch zu bohren, aber Oskar griff nach dem Messer, ging ein wenig nach oben und stach die Spitze des Messers mit voller Kraft in den Unterarm und fixierte ihn auf dem Küchentisch.

Als er aber vom Gang her seine Tante nach ihm rufen hörte, packte er den ganzen Arm, der schlaff am Messer baumelte schnell und stopfte ihn in die Gefriertruhe. Kaum hatte er die Klappe zu gemacht, stand seine Tante schon vor der Küche.

„Im Bad gibt es keine Warmwasser“ rief sie.

Das ist kein Problem, dachte Oskar. Er griff in die Schublade, holte ein Taschentuch und wischte sich das Blut aus dem Gesicht.
Dann zündete er eine Zigarette an. Der Qualm bewegte sich an diesem Montagmorgen unruhig in der Küche.

Eine Weile hatte er noch leises Hämmern und Pochen und einige Kratzgeräusche aus der Gefriertruhe gehört.

Er nahm nur drei Züge und als seine Tante das zweite mal nach warmem Wasser verlangte, war es ganz still in der Küche.
Oskar betrat den Gang. Dieses mal knarzte der Flur. Draußen stürmte es noch immer.

02.12.2018 Sandra Fritz

 

Die Kochwäsche

Der Wäschekorb war sehr beladen, als Eva mit ihm in das Treppenhaus ging, um nach unten zur Waschmaschine zu gehen. Der Lichtschalter war defekt, nur vom unteren Stockwerk fiel schummriges Licht auf die Treppe.

Sie zog die Wohnungstüre zu, klemmte den Wäschekorb fest zwischen Hüfte und Unterarm und stieg langsam die Treppen nach unten in den Keller. Sie hatte wenig an, war schon in Nachthemd und Wollsocken, leichte luftige Hausschuhe an den Füßen, die Haare locker zusammen gebunden.

Niemand im Treppenhaus, niemand zu hören.

In der Waschküche roch es frisch und warm. Sie kniete sich vor ihre Maschine und öffnete die runde Tür der Maschine, im selben Moment kroch ein Zungenkuss aus der Maschine an ihren Oberschenkeln entlang und sagte zur ihr komm doch zu mir in diese Maschine, ich bin schon so lange allein.
Eva war teils erschrocken, teils aber sofort erfasst von diesem feucht-warmen Zungenkuss, der sich seinen Weg bahnte und inzwischen an ihren Lippen vorbei mitten in der Waschküche vor ihr stand. Er war sehr groß und glitschig, er roch nach Tiefsee, zugegeben nur ganz leicht nach menschlichem Speichel, er machte einen fließenden, sehr bewegenden Eindruck auf Eva und, er war ausgesprochen höflich, im Grunde.

Eva fragte den Zungenkuss, woher er denn so plötzlich käme, und was er denn nun vorhabe. Sie sagte ihm auch, dass sie die Wäsche zum Waschen in die Maschine tun wolle, sie brauche frische Wäsche.
Ja, sagte der Zungenkuss, legte sich auf ihre rechte Wange und hinterließ eine feuchte Spur und eine nur von Zungen machende Bewegung.
Mach es, sagte er leise und fast hatte Eva das Gefühl, dass dieser Zungenkuss ernste Absichten mit ihr habe.

Vielleicht kann ich mit diesem Zungenkuss aus meiner Waschmaschine ein glückliches Leben bis zu meinem Lebensende führen?

Du kannst mit mir über alles sprechen, sagte der Zungenkuss und ich will dir sagen, dass ich deine Gedanken kenne. Denn nun, da ich in Deiner Waschmaschine wohne und ich schon so lange in Deiner Kleidung liege und so frisch gewaschen bin, was kannst Du gegen mich haben? Fragte der Zungenkuss mit Furcht in der Stimme.

Eva packte die Wäsche in die Maschine und stellte das Programm ein, sie wollte 60 Grad waschen, entschied sich aber doch für Kochwäsche.
Ist ja fast nur weiße Wäsche sagte der Zungenkuss. Bei Sprechen klang es ein wenig wie Blubbern und fast sah es auch so aus, als bildeten sich um den Zungenkuss herum kleine winzige Luftblasen, wie unter Wasser.

Der Zungenkuss wartete geduldig im Raum. Eva stand vor ihm und zog ihn zu sich, und dann küsste sie den Zungenkuss. So etwas hatte sie niemals zuvor erlebt. Während sie vollkommen innig den Zungenkuss küsste, dabei ihre Haare aufgingen und ihre Wollsocken, auch das Nachthemd auf dem Boden lagen und die Waschmaschine sich drehte mit der Kochwäsche im Kreis , da war Eva klar, dass sie nie wieder ohne Zungenkuss würde leben wollen. Nur ab und zu wurden die Geräusche, die der Zungenkuss und Eva machten durch die unterschiedlichen Programmpunkte des Waschprogramms unterbrochen. Der Klangteppich war lustbetont, tief klingend. Fisches Wasser bekam die Wäsche und der Zungenkuss bekam gefühlvolle Küsse von Eva. Die Kochwäsche dauerte zwei Stunden und es war sehr warm in der Waschküche geworden.  -Im Treppenhaus brannte kein Licht mehr.

12.1.2019  Sandra Fritz

 

Der Eingriff

Heute sitze ich in einem Straßencafé in der Nähe des Bahnhofs. Es regnet nicht mehr und ich bin erstaunt, weil meine Handtasche so viele Fächer hat.

Es ist eine Umhängetasche, die es einem erlaubt auch einen Laptop mitzunehmen. Oder Aktenordner. Oder mehrere Flaschen Wasser. Ich finde aber nichts in der Tasche, was sich wie eine Nagelfeile anfühlt – Mühsam, schon allein deshalb, weil der Weg meines rechten Arms in die Tiefe der einzelnen Fächer so ein weiter Weg ist. Und ich verirre mich ständig, seit einer viertel Stunde tastet irgendeine Hand von mir, mal die rechte, mal die linke in den Fächern umher. Jedes mal finden meinen Hände etwas anderes, was die Orientierung in der eigenen Handtasche, der Umhängetasche von Tchibo noch verwirrender macht. Außerdem ist sogar ein Loch im Futteral der Tasche, so dass es naheliegend scheint, dass sich die Nagelfeile in den Zwischenzonen der Tasche aufhält. Und da hat sie viele Möglichkeiten. – Handtaschen werden ja hin und her bewegt, geschlendert beim Gehen. – Wenn ich es einmal in der linken kleinen Bucht der Tasche versuche? Wenn ich mir noch einmal einen Café bestelle? Wenn ich so lange hier sitzen bleibe. Ich schimpfe mit meinem Kopf, denn er will jetzt nämlich auch in die Tasche. Der ist sogar tief in die Tasche gesteckt und versucht etwas zu ergattern. Also nicht der Kopf, die Augen. Aber außer Lichtflecke, dunkle Grau-Schwarze Punkte, die ohnehin nur dann zu sehen sind, wenn ich meinen Kopf nicht allzu weit in den Eingang der Tasche stecke. Aber ich sehe, wie Nichts aussieht. Es sieht nach Nichts aus denke ich, etwas müde und schiebe meine linke Hand zusammen mit der rechten zusätzlich zum Kopf in diese Tasche hinein. Dann wühle ich mit beiden Händen gleichzeitig in der Tasche. Da ist ja in Ordnung. Denn es ist doch meine eigene Tasche. Und wenn ich schüttle? Sie umdrehe und schüttle? So lange bis die Nagelfeile herausfällt. Auf den Boden fällt. So wie Arthur fällt mir ein. Und plötzlich ist mir schwindlig. Dann merke ich, wie ich falle, zuerst mit dem Kopf, mit der Hochsteckfrisur zuerst, dann mit den Ohren, dann verschwindet mein Hals und der Hals nimmt die ganze menschliche Figur mit hinein in diese Tasche. Das ist eigentlich ein wundervolles Gefühl denke ich. Mein Kopf ist gerade an einer Mineralwasserflasche vorbeigeglitten. Ich spüre, wie ich zusammenfalle, kleiner werde. Immer kleiner. Meine Schuhe streifen sich von selbst an den Taschenhenkeln ab – ist wohl besser, denn was soll ich in der eigenen Tasche noch mit den Schuhen an den Füßen? Und als mein Kopf mit der ganzen menschlichen Figur ganz und gar von der Handtasche umschlossen war, fiel mir ein, dass ich die Nagelfeile zuhause im Bad vergessen hatte. Arthur hatte angerufen und ich rannte so schnell aus dem Bad, in dem Moment als das Telefon klingelte, wollte ich mir gerade die Nägel feilen. Jetzt entspanne ich mich. Obwohl – verrückt eigentlich! In dieser Tasche kann gar kein Platz sein für Entspannung. Aber so absurd es klingen mag, auch die Bedienung ist perplex. Ich kann nämlich hören, dass sie mir wohl gerade den bestellten Café hingestellt hat, dabei hat sie die Tasche mit ihrem Fuß berührt. Ich hatte sie ja selbst neben den Tischfuß, also zwischen den Stuhl und den Tisch angelehnt. Ich dachte an Arthur. Ich dachte, schade, dass ich nie mit ihm zusammen in Siebenbürgen war. Und schade, dass alles. Schade. Dann wurde ich schwer, fühlte mich bleiern, weil ich mir darüber im Klaren war, dass ich in einer schwierigen Situation zu stecken schien. Ich überlegte, ob es mir gelingen könnte, von selbst aus dieser Tasche wieder heraus zu kommen. Aber wie? Denn ich fühlte keine Muskulatur. Ich fühlte keinen Körper. Ach, auch keine Körpernervosität mehr. Darüber war ich sehr glücklich.  Dann, irgendwie,  muss ich eingeschlafen sein.

Ich träumte, wie ich sehr schnell rannte, rennen konnte und sich dabei die Landschaft um mich verbog, sich zu parallelen Linien aufspaltete und wie Lichtblitze in langen unendlichen Geraden vor mir, neben mir und um mich herum auftauchten. Sich mir das ganze Farbspektrum anbot, aber aufgebrochen war und zum ersten Mal spürte ich, wie ich es mich hungrig werden ließ auf Grün, Rot und Blau. Und ich rannte nicht vor etwas weg. Ich rannte auf etwas zu.

Jetzt klebten alle Spektralfarben und  jede Menge Krümel aus der Handtasche an meine Händen und weil es  ja doch nur  meine Hände waren, die vorauseilten. Inzwischen zu Fingerlingen aus Taschenfalten verkleidet einer unbekannten Fährte wie  einem Geruch folgten. Sie waren es, die in etwas eingreifen wollten. Und sie erreichten Arthur rechtzeitig und zogen ihn bei Seite. -Die  Kugel aus dem Geschoss ging ins Leere.

Sandra Fritz, Juni/Juli2017

Die Kiste

Wenn ich mich richtig erinnere war diese Kiste schlicht, von hellem Holz, ca. 40 x 60 lang und breit. Diese Kiste wirkte ungewöhnlich voluminös und bedeutend und ist mir deshalb so aufgefallen, dass ich auch heute noch an sie denke. Sie war von einer ungewöhnlichen Präsenz, schwer und geheimnisvoll.

Dass sie als Geschenk herhalten musste war klar, aber es wäre eine falsche Fährte, würde man denken, dass diese Kiste irgendetwas Freundliches oder Einladendes an sich hatte. Sie klemmte eine sehr lange Zeit zwischen dem Oberarm und dem Rumpf des katholischen Seelsorgers. Fast bis zum Schluss klemmte sie dort und es sah beinahe aus, als wäre sie mit dem Körper des Pfarrers verwachsen. Die Kiste war braun.

Auf dem Kirchplatz stehen heute Bierbänke, Tische mit Tischdecken und Sitzkissen auf den Bänken, Schirme zum Schutz und es ist eine kleine Bühne aufgebaut. Es duftet nach Bratwurst, Pommes, nach Wurstsalat mit Zwiebeln. Ins Kirchengeläut erscheint von der Hauptstraße herkommend die kirchliche Konkurrenz. Unter seinem Arm: Die braune Kiste.

Heute wird gefeiert. Die Kirche feiert seinen fünfzigsten Geburtstag. Es tummeln sich auf dem Vorplatz der evangelischen Kirche so an die zwanzig Geburtstagsgäste zuzüglich kleiner Kinder, die noch Hand in Hand mit Papa oder Mama dastehen.

Nun hat der Pfarrer – Grube – offensichtlich vor, sie, diese Kiste dem Pfarrer Helmschmid als Jubiläumsgeschenk zu überreichen. Er geht mit starkem Schritt an den Schirmen und Bänken vorbei und betritt die Holzbühne, mit einem knarzenden Geräusch steht er zuerst links dann ein wenig hinter Helmschmid. Ihm wird gerade ein Geschenk des 2. Bürgermeisters der Kreisstadt überreicht.

Der Mensch, der Volksmensch – wie die höher gestellten Katholiken sagen – isst und trinkt und zuvor hat er gebetet, davor gearbeitet und mehr muss er nicht wissen. Kinder springen ungestüm auf dem kleinen Platz umher sie spielen Find-mich-Fang-mich und grapschen nach den mehr als Bierbeigabe dienenden Salz Stengeln in großen, nachweislich aber unchristlichen Mengen.

Grube hat einen Bad-Boy Haarschnitt. Die Seiten sind rasiert und auf der Kopfmitte trägt er die Haare ein wenig länger, Stehkurz gegeelt. Damit bringt er zum Ausdruck, dass er sehr wohl auch anders kann, oder dass er überhaupt kann. Vor allem auch in  seiner Position das sehr wohl kann. Wobei mich wundert, dass Grube, als Dekan und Seelsorger überhaupt an so etwas denkt , wie Bad-Boys und einen dementsprechenden Schnitt auf seinem Gel-Kopf. Vielleicht ist ihm etwas in den Kopf gestiegen?

Eine Idee, wie man mit dem Rasierer vor dem Spiegel das eigene Bild  zurecht schneidet.  Die Zerreißproben, vom  inneren her kommenden katholischen Gott, diese auferlegten Prüfungen. Sein Fleischkopfinhalt voller bösen Dinge,  und die anderen tun sie. 

Helmschmid,  der Protestant, entspannt am Mikrofon – Er ist auch begnadeter Obeospieler- spricht Worte des Dankes in den Lautverstärker.

Grube klemmt die Kiste fest an seinen Oberkörper. Inzwischen ist sie nicht mehr braun, nicht mehr schwarz, die Kiste wirkt plump, schwer wie ein Stein. Hoffentlich, denke ich jetzt, ist diese Kiste, die wie ein Klotz wirkt in Wahrheit dann auch wirklich kein Hohlkörper.

Denn man weiß nicht, was Katholiken in Kisten aufbewahren und vielleicht – man hat keine Kenntnis davon, hat Grube heute Morgen nicht mehr gewusst, in welcher von den vielen braunen, schwarzen, honigbraun-gemaserten und kirschholzfarbenen Kisten, die unterschiedlicher nicht sein können, in Größe, Länge und Breite, aber klein sind sie immer, alle ähnlich groß, aber es gibt tatsächlich viele beim Dekan, beim leitenden Seelsorger und immer sind sie aus aus Holz und braun und hohl und verschließbar, und es sind auch viele Kisten verteilt in den Archiven und vielleicht hat seine Frau-Haushälterin nicht aufgepasst und die eine Kiste von ganz unten mit der von der ersten Reihe links hinten, also im Kellerregal, vier Etagen tiefer Keller, also von dort die Falsche nach oben geholt?

Das wäre ja möglich und was jetzt passieren könnte, wenn Helmschmid eine falsche Kiste öffnen würde. Und es würde etwas herauskommen, herauskriechen, stürzen oder fallen. Vielleicht würde auch etwas heraus stinken, so ein furchterregender Gestank, ein Gestank aus einer Kiste, der nur herauskommen könnte, wenn diese Kiste herunterfallen würde und es die falsche Kiste wäre, die verwechselte. Nicht daran zu denken, was eigentlich so einen Gestank verursachen könnte, wenn es dann plötzlich nicht mehr nach Bratwurst riechen, sondern eben nur abartig stinken würde und was Grube für ein Gesicht dazu machen würde, dann die Gesichter von Helmschmid und die dann die Gesichter – der Reihe nach an geschaut- was für Gesichter die anderen dazu machen würden und ob es überhaupt jemand wagen würde in diese Peinlichkeit hinein zu sprechen. Ob es jemand wagen könnte, seinen Mund zu öffnen, um Worte zu formen. Es würde in zweifacher Weise furchtbar sein. Zum einen wegen des möglichen Geruchs, zum anderen wegen des Schweigens der Augenzeugen.

Mir fällt der Kontext ein, das Motto des Kirchengeburtstages, die Geschichte mit den Worten. Und da bin ich erleichtert, denn am Anfang war das Wort, niemals ein Haarschnitt und keinerlei Kiste.

Ich hole mir Wein.  

Am Wein nippend sah ich, wie Helmschmid mit der Geste der normalerweise in einer Prärie dahin reitenden und später dann, wenn sie die Pferde abstellen und dann in den Saloon mit lässigem Schritt wie  Cowboys –  jedenfalls, wie also Helmschmid, der Protestant diese Kiste überreicht bekam.

Er stellte sie auf den Boden.

Dann zauberte er seine Oboe hervor und er spielte wunderschöne Musik.

Grube hat sich mit knarzendem Schritt von der Bühne und vom Acker gemacht.

Er hatte übrigens zwei Kisten dabei und wurde noch bei einem anderen Kirchenjubiläum erwartet.

Präzision

Fragen hat er nun keine mehr. Seitdem Dr. Pohl ihn, Manderfeld vor einiger Zeit zum Golfen eingeladen hatte, und er entgegen seiner bisherigen Gewohnheiten, nämlich stets Sporteinladungen abzulehnen, war zu dieser Zeit gerade von einer länger andauernden Migräne befreit und deshalb auch erleichtert, die Gelegenheit zu erhalten, nun doch einmal eine weitere Reise, in diesem Fall zum Golfen, zusammen mit Dr. Pohl, seinem Stellvertreter Dr. Schrude und dem Vorstandsvorsitzenden Herrn Udo B. Kasten erleben zu können. Wobei, er, Manderfeld betonte, dass er sich vor allem eines wünsche, einmal wirklich freie Sicht zu haben. „Auf dem Golfplatz? Aber hören Sie, Manderfeld, das ist doch gerade das, was es dort gibt. Wo denn sonst? – bei den vielen Baustellen überall!“ Und er lachte.

„Leere, so Pohl, findet  doch im eigenen Gehirn statt. – Kennen Sie den bekannten Hypnose, und übrigens hat er eine Professur an unserer Universität, diesen Bahnbrecher Dr. Andre Sarlui?“ – fährt er fort: „Vergibt Termine – für uns – auch Sonntags. Dauert nur eine halbe Stunde!“

„Und danach, Manderfeld, ich sage es Ihnen, ist es herrlich im Kopf. Sie können die Festplatte bestücken, mit was immer sie wollen. Sie sitzen dann in ihrem eigenen Kino!“

Manderfeld hatte sich also bereit erklärt am darauffolgenden Freitag Nachmittag mit den Herren Schrude, Kasten und Pohl zum Golfen zu gehen. Spontan hatte er am Mittwoch bei Dr. Sarlui die erste Sitzung erhalten.

Erstaunlich. Er wusste am Donnerstag nicht mehr, was er mit Dr. Sarlui im Einzelnen besprochen hatte.

Er fühlte sich erstaunlich frisch und entspannt. Er wunderte sich im Übrigen nicht einmal darüber, dass er sich so frisch fühlte, er bemerkte nur, dass er nahezu alle erlittenen Leiden der letzten Wochen (die Migräne, die Übelkeit, die Lichtscheue, seine Frau, die Kinder, die Allergien, die gastritischen Beschwerden, die orthopädischen Miasmen, die latente erektile Dysfunktion, seine Urlaubserinnerungen, den Tag seiner ersten Einschulung, sowie die Bedeutung all dieser Dinge) vergessen hatte.

Was aber Tatsache war: Er hatte richtig Lust zu golfen.

 

Komm, wir gehen

ins Bett sagte die Frau, denn sie fühlte Liebe. Im Badezimmer wusch sie sich und betrachtete im Spiegel ihr Gesicht. Sie rieb den beschlagenen Spiegel um sich zu sehen. Da rief schon der Mann nach ihr, wo bleibst du, komm! Eben war es so still gewesen, nur plätscherndes Wasser im Becken, so feine klappernde Geräusche, sonst nichts. Sie war mit ihren Gedanken und ihren Regungen schon ganz bei ihm gewesen, in ihrem späteren gemeinsamen Gewässer. Nun schien seine Stimme fremd, wie sie durch die verschlossene Badezimmertüre zu ihr drang. Sie schaute in seine Richtung. Ist es denn alles wahr, fragte sie sich, streckte sich nach einem Handtuch, das über der Wanne hing, umwickelte sich, denn sie war ja nackt.

Den Abend über hatten sie gemeinsam verbracht. Sie waren in einer Bar, die letzten am Tisch, die anderen Gläser leer. Sie hätten beinahe nichts geredet, so waren sie ineinander vertieft. Wie sehr sie ihn liebte, schaute in seine Augen, tief, hob ihr Glas und durch den runden Bauch ihres Glases schaute sie ganz auf ihn, neigte dann ihren Kopf nach hinten, trank. Ob er sie so liebte, wie sie ihn? Sie setzte das Glas am Tisch ab. Ob er auch diese Fragen kannte, die pausenlos aufschossen, wie zeitgeraffte Wolken? Ob er es kannte – und? Ob er sie liebe? Die Frau seufzte leise, aber sie erwähnte kein Wort aus dieser Richtung.

Die Tür ging auf, es trat ein lachendes, sich umarmendes Paar ein, verspielt, wie Kinder. Sie waren in tänzelnden Bewegungen, geschmeidig und sie nahmen den Platz am Nebentisch ein. Aufatmen. Der Mann berührte seine Begleiterin im Nacken, er zog er sie näher zu sich, küsste sie innig. Die Musik wurde leise gedreht.

Sie blickte auf ihre Füße, trocknete die Zehen einzeln, trocknete sich mit dem Handtuch ihr Gesäß. Sie stütze sich mit den Füßen am Wannenrand ab, gab etwas Öl auf ihre Hand und rieb sich, geduldiges Verstreichen. Ihre Pobacken hoben sich in Richtung ihres Rückens, leicht nur, gingen dann wieder abwärts. Sie fasste prüfend. Eine wogende Bewegung von Körperteilen. Später würde er sie berühren, anderswo und dort auch, überall, in langsamen und in schnellem Wechsel. Sie beugte ihr Kinn tief, schickte ein Lächeln ihren Körper entlang. Fragte sich, inzwischen abgetrocknet und in Unterwäsche, ob er jemals auch solche Gedanken hatte, fragte sich, ob er jemals genauso fühlte, wie sie. Sie kämmte ihr nasses Haar, musste den Kamm stark durchziehen, soviel Hindernis lag in ihrem Haar. Sie hörte nicht auf damit, bis sie glatt gestrichen waren.

In der Bar wurde leise gesprochen, man verstand kein Wort. Das Paar neben ihrem Tisch flirtete und berührte sich stets, sie hielten Augenkontakt, nah waren ihre Köpfe. Die Frau trug langes dunkelblondes Haar, das mit einer Haarklammer in der Mitte des Hinterkopfes zusammengehalten war. Die Spange hielt ihr Haar fest, nur ein paar Strähnen, wohl wegen des Küssens, umrahmten fein spurig ihr Gesicht. Sie schaute auf, als die Frau sie ansah.

Vor der Badezimmertür hörte sie Schritte, die stehen blieben und der Mann klopfte. Was machst du denn so lange, sagte er zärtlich, und drückte die Türklinke. Kommdoch,. Die Frau stand vor dem Spiegel und rückte an ihrer Frisur, im Spiegel sah sie, wie die Bewegung der Klinke nach unten und wieder nach oben ging. Sie mochte es, ihn ein bisschen auf sich warten zu lassen, nur noch einen kurzen Moment. Ein Lächeln huschte über ihr Gesicht. Ich komme gleich, sagte sie, ebenso zärtlich, dabei ging sie ganz nah zur Tür, legte ihre Hand an den Türgriff, so als ob es die seine schon wäre.

In den Augen der Frau sah sie ein Spiegelbild ihres Gewässers, in dem sie bereits zusammen eingetaucht fortschwimmen, so stark war die Anziehung. Sie nahm eine andere Position ein, verlegte ein paar Dinge auf dem Tisch, Menükarte von links nach rechts und spielte ein wenig am Glasrand, kreisende Bewegungen. Ihr Mann schaute ihr zu und folgte ihren Bewegungen. Sie fing an, die Konturen der blonden Frau mit allen Sinnen abzutasten, ganz wie es möglich war, an ihrem Mann vorbei. Sie blickte in das Gesicht, ein zweites Mal, entlang am Hals, vorbei an den Kleiderfalten, immer dorthin, wo sich die fremde Haut, wo sie die Farbe der Haut, wo sie die Bewegung des Atems an der Haut, das kleine Auf und Ab, sehen konnte. Sie konnte den Körper der Frau mehr als nur ahnen, sie wusste, er hatte von dem genauso viel, wie der ihre. Keine Scham war in ihren Augen, in ihren Blicken, die sich trafen war Stille und sie spürte diese kleinen konzentrischen Kreise, von denen sie beide in die wärmende Mitte genommen wurden. Die anderen Personen verschwanden aus dem Blickfeld, waren nur noch schemenhaft und verschwommen zu sehen, wie aus weiter Ferne zu hören, alles bei den Frauen war wach.

Sandra Fritz, März 2013

 

 

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