Prosa

Der Eingriff

Heute sitze ich in einem Straßencafé in der Nähe des Bahnhofs. Es regnet nicht mehr und ich bin erstaunt, weil meine Handtasche so viele Fächer hat.

Es ist eine Umhängetasche, die es einem erlaubt auch einen Laptop mitzunehmen. Oder Aktenordner. Oder mehrere Flaschen Wasser. Ich finde aber nichts in der Tasche, was sich wie eine Nagelfeile anfühlt – Mühsam, schon allein deshalb, weil der Weg meines rechten Arms in die Tiefe der einzelnen Fächer so ein weiter Weg ist. Und ich verirre mich ständig, seit einer viertel Stunde tastet irgendeine Hand von mir, mal die rechte, mal die linke in den Fächern umher. Jedes mal finden meinen Hände etwas anderes, was die Orientierung in der eigenen Handtasche, der Umhängetasche von Tchibo noch verwirrender macht. Außerdem ist sogar ein Loch im Futteral der Tasche, so dass es naheliegend scheint, dass sich die Nagelfeile in den Zwischenzonen der Tasche aufhält. Und da hat sie viele Möglichkeiten. – Handtaschen werden ja hin und her bewegt, geschlendert beim Gehen. – Wenn ich es einmal in der linken kleinen Bucht der Tasche versuche? Wenn ich mir noch einmal einen Café bestelle? Wenn ich so lange hier sitzen bleibe. Ich schimpfe mit meinem Kopf, denn er will jetzt nämlich auch in die Tasche. Der ist sogar tief in die Tasche gesteckt und versucht etwas zu ergattern. Also nicht der Kopf, die Augen. Aber außer Lichtflecke, dunkle Grau-Schwarze Punkte, die ohnehin nur dann zu sehen sind, wenn ich meinen Kopf nicht allzu weit in den Eingang der Tasche stecke. Aber ich sehe, wie Nichts aussieht. Es sieht nach Nichts aus denke ich, etwas müde und schiebe meine linke Hand zusammen mit der rechten zusätzlich zum Kopf in diese Tasche hinein. Dann wühle ich mit beiden Händen gleichzeitig in der Tasche. Da ist ja in Ordnung. Denn es ist doch meine eigene Tasche. Und wenn ich schüttle? Sie umdrehe und schüttle? So lange bis die Nagelfeile herausfällt. Auf den Boden fällt. So wie Arthur fällt mir ein. Und plötzlich ist mir schwindlig. Dann merke ich, wie ich falle, zuerst mit dem Kopf, mit der Hochsteckfrisur zuerst, dann mit den Ohren, dann verschwindet mein Hals und der Hals nimmt die ganze menschliche Figur mit hinein in diese Tasche. Das ist eigentlich ein wundervolles Gefühl denke ich. Mein Kopf ist gerade an einer Mineralwasserflasche vorbeigeglitten. Ich spüre, wie ich zusammenfalle, kleiner werde. Immer kleiner. Meine Schuhe streifen sich von selbst an den Taschenhenkeln ab – ist wohl besser, denn was soll ich in der eigenen Tasche noch mit den Schuhen an den Füßen? Und als mein Kopf mit der ganzen menschlichen Figur ganz und gar von der Handtasche umschlossen war, fiel mir ein, dass ich die Nagelfeile zuhause im Bad vergessen hatte. Arthur hatte angerufen und ich rannte so schnell aus dem Bad, in dem Moment als das Telefon klingelte, wollte ich mir gerade die Nägel feilen. Jetzt entspanne ich mich. Obwohl – verrückt eigentlich! In dieser Tasche kann gar kein Platz sein für Entspannung. Aber so absurd es klingen mag, auch die Bedienung ist perplex. Ich kann nämlich hören, dass sie mir wohl gerade den bestellten Café hingestellt hat, dabei hat sie die Tasche mit ihrem Fuß berührt. Ich hatte sie ja selbst neben den Tischfuß, also zwischen den Stuhl und den Tisch angelehnt. Ich dachte an Arthur. Ich dachte, schade, dass ich nie mit ihm zusammen in Siebenbürgen war. Und schade, dass alles. Schade. Dann wurde ich schwer, fühlte mich bleiern, weil ich mir darüber im Klaren war, dass ich in einer schwierigen Situation zu stecken schien. Ich überlegte, ob es mir gelingen könnte, von selbst aus dieser Tasche wieder heraus zu kommen. Aber wie? Denn ich fühlte keine Muskulatur. Ich fühlte keinen Körper. Ach, auch keine Körpernervosität mehr. Darüber war ich sehr glücklich.  Dann, irgendwie,  muss ich eingeschlafen sein.

Ich träumte, wie ich sehr schnell rannte, rennen konnte und sich dabei die Landschaft um mich verbog, sich zu parallelen Linien aufspaltete und wie Lichtblitze in langen unendlichen Geraden vor mir, neben mir und um mich herum auftauchten. Sich mir das ganze Farbspektrum anbot, aber aufgebrochen war und zum ersten Mal spürte ich, wie ich es mich hungrig werden ließ auf Grün, Rot und Blau. Und ich rannte und rannte, nicht weil ich vor etwas wegrannte, sondern, ich wusste, dass ich auf etwas zu rannte. Dabei  bekam ich einen immer größeren Hunger auf mehr Linien, mehr schlanke Geraden, denn je schneller ich rannte, desto feiner wurde das Sammelsurium der Linien, der unzähligen Parallelen, die mir eine Schneise durch meine Zeit bereiteten. Ich rannte nicht vor etwas weg. Ich rannte auf etwas zu.

Schon jetzt klebten alle Spektralfarben und  jede Menge Krümel aus der Handtasche, dem Futteral, das mich umfing und gleichzeitig vorantrieb, weil es  ja doch nur  meine Hände waren, die vorauseilten. Inzwischen zu Fingerlingen aus Taschenfalten verkleidet einer unbekannten Fährte wie  einem Geruch folgten.

In etwas eingreifen wollten.

Und sie erreichten Arthur rechtzeitig und zogen ihn bei Seite.  Die  Kugel aus dem Geschoss ging ins Leere.

 

 

Sandra Fritz, Juni/Juli2017

 

 

 

Die Kiste

Wenn ich mich richtig erinnere war diese Kiste schlicht, von hellem Holz, ca. 40 x 60 lang und breit. Diese Kiste wirkte ungewöhnlich voluminös und bedeutend und ist mir deshalb so aufgefallen, dass ich auch heute noch an sie denke. Sie war von einer ungewöhnlichen Präsenz, schwer und geheimnisvoll.

Dass sie als Geschenk herhalten musste war klar, aber es wäre eine falsche Fährte, würde man denken, dass diese Kiste irgendetwas Freundliches oder Einladendes an sich hatte. Sie klemmte eine sehr lange Zeit zwischen dem Oberarm und dem Rumpf des katholischen Seelsorgers. Fast bis zum Schluss klemmte sie dort und es sah beinahe aus, als wäre sie mit dem Körper des Pfarrers verwachsen. Die Kiste war braun.

Auf dem Kirchplatz stehen heute Bierbänke, Tische mit Tischdecken und Sitzkissen auf den Bänken, Schirme zum Schutz und es ist eine kleine Bühne aufgebaut. Es duftet nach Bratwurst, Pommes, nach Wurstsalat mit Zwiebeln. Ins Kirchengeläut erscheint von der Hauptstraße herkommend die kirchliche Konkurrenz. Unter seinem Arm: Die braune Kiste.

Heute wird gefeiert. Die Kirche feiert seinen fünfzigsten Geburtstag. Es tummeln sich auf dem Vorplatz der evangelischen Kirche so an die zwanzig Geburtstagsgäste zuzüglich kleiner Kinder, die noch Hand in Hand mit Papa oder Mama dastehen.

Nun hat der Pfarrer – Grube – offensichtlich vor, sie, diese Kiste dem Pfarrer Helmschmid als Jubiläumsgeschenk zu überreichen. Er geht mit starkem Schritt an den Schirmen und Bänken vorbei und betritt die Holzbühne, mit einem knarzenden Geräusch steht er zuerst links dann ein wenig hinter Helmschmid. Ihm wird gerade ein Geschenk des 2. Bürgermeisters der Kreisstadt überreicht.

Der Mensch, der Volksmensch – wie die höher gestellten Katholiken sagen – isst und trinkt und zuvor hat er gebetet, davor gearbeitet und mehr muss er nicht wissen. Kinder springen ungestüm auf dem kleinen Platz umher sie spielen Find-mich-Fang-mich und grapschen nach den mehr als Bierbeigabe dienenden Salz Stengeln in großen, nachweislich aber unchristlichen Mengen.

Grube hat einen Bad-Boy Haarschnitt. Die Seiten sind rasiert und auf der Kopfmitte trägt er die Haare ein wenig länger, Stehkurz gegeelt. Damit bringt er zum Ausdruck, dass er sehr wohl auch anders kann, oder dass er überhaupt kann. Vor allem, dass er,  obwohl in der Position das sehr wohl kann. Wobei mich wundert, dass Grube, als Dekan und Seelsorger überhaupt an so etwas denkt , wie Bad-Boys und einen dementsprechenden Schnitt auf seinem Gel-Kopf. Vielleicht ist ihm etwas in den Kopf gestiegen? Eine Idee, wie man als Seelsorger zeitgemäß frisiert sei und wie man als katholischer Pfarrer wegen der zölibatär bedingten Unruhe, die auch immer eine Zerreißprobe sein kann,  mit dem Rasierer vor dem Spiegel am eigene Bild  herum fuhrwerken kann, bis zur Selbstverachtung herumschneidet  damit er aus dem allem herauskomme, über sich und seinen Zerreißproben, den inneren vom katholischen Gott auferlegten Prüfungen am Fleischkopfinhalt. Immer diese bösen Dinge im Kopf und die anderen tun sie.  Helmschmid,  der Protestant, entspannt am Mikrofon – Er ist auch begnadeter Obeospieler- spricht Worte des Dankes in den Lautverstärker.

Grube klemmt die Kiste fest an seinen Oberkörper. Inzwischen ist sie nicht mehr braun, nicht mehr schwarz, die Kiste wirkt plump, schwer wie ein Stein. Hoffentlich, denke ich jetzt, ist diese Kiste, die wie ein Klotz wirkt in Wahrheit dann auch wirklich kein Hohlkörper.

Denn man weiß nicht, was Katholiken in Kisten aufbewahren und vielleicht – man hat keine Kenntnis davon, hat Grube heute Morgen nicht mehr gewusst, in welcher von den vielen braunen, schwarzen, honigbraun-gemaserten und kirschholz farbenen Kisten, die unterschiedlicher nicht sein können, in Größe, Länge und Breite, aber klein sind sie immer, alle ähnlich groß, aber es gibt tatsächlich viele beim Dekan, beim leitenden Seelsorger und immer sind sie aus aus Holz und braun und hohl und verschließbar, und es sind auch viele Kisten verteilt in den Archiven und vielleicht hat seine Frau-Haushälterin nicht aufgepasst und die eine Kiste von ganz unten mit der von der ersten Reihe links hinten, also im Kellerregal, vier Etagen tiefer Keller, also von dort die Falsche nach oben geholt?

Das wäre ja möglich und was jetzt passieren könnte, wenn Helmschmid eine falsche Kiste öffnen würde. Und es würde etwas herauskommen, herauskriechen, stürzen oder fallen. Vielleicht würde auch etwas heraus stinken, so ein furchterregender Gestank, ein Gestank aus einer Kiste, der nur herauskommen könnte, wenn diese Kiste herunterfallen würde und es die falsche Kiste wäre, die verwechselte. Nicht daran zu denken, was eigentlich so einen Gestank verursachen könnte, wenn es dann plötzlich nicht mehr nach Bratwurst riechen, sondern eben nur abartig stinken würde und was Grube für ein Gesicht dazu machen würde, dann die Gesichter von Helmschmid und die dann die Gesichter – der Reihe nach an geschaut- was für Gesichter die anderen dazu machen würden und ob es überhaupt jemand wagen würde in diese Peinlichkeit hinein zu sprechen. Ob es jemand wagen könnte, seinen Mund zu öffnen, um Worte zu formen. Es würde in zweifacher Weise furchtbar sein. Zum einen wegen des möglichen Geruchs, zum anderen wegen des Schweigens der Augenzeugen.

Mir fällt der Kontext ein, das Motto des Kirchengeburtstages, die Geschichte mit den Worten.Und da bin ich erleichtert, denn am Anfang war das Wort, niemals ein Haarschnitt und keinerlei Kiste.

Ich hole mir Wein.  

Am Wein nippend sah ich, wie Helmschmid mit der Geste der normalerweise in einer Prärie dahin reitenden und später dann, wenn sie die Pferde abstellen und dann in den Saloon mit lässigem Schritt wie  Cowboys –  jedenfalls, wie also Helmschmid, der Protestant diese Kiste überreicht bekam.

Er stellte sie auf den Boden.

Dann zauberte er seine Oboe hervor und er spielte wunderschöne Musik.

Grube hat sich mit knarzendem Schritt von der Bühne und vom Acker gemacht.

Er hatte übrigens zwei Kisten dabei und wurde noch bei einem anderen Kirchenjubiläum erwartet.

 

 

 

Präzision

Fragen hat er nun keine mehr. Seitdem Dr. Pohl ihn, Manderfeld vor einiger Zeit zum Golfen eingeladen hatte, und er entgegen seiner bisherigen Gewohnheiten, nämlich stets Sporteinladungen abzulehnen, war zu dieser Zeit gerade von einer länger andauernden Migräne befreit und deshalb auch erleichtert, die Gelegenheit zu erhalten, nun doch einmal eine weitere Reise, in diesem Fall zum Golfen, zusammen mit Dr. Pohl, seinem Stellvertreter Dr. Schrude und dem Vorstandsvorsitzenden Herrn Udo B. Kasten erleben zu können. Wobei, er, Manderfeld betonte, dass er sich vor allem eines wünsche, einmal wirklich freie Sicht zu haben. „Auf dem Golfplatz? Aber hören Sie, Manderfeld, das ist doch gerade das, was es dort gibt. Wo denn sonst? – bei den vielen Baustellen überall!“ Und er lachte.

„Leere, so Pohl, findet  doch im eigenen Gehirn statt. – Kennen Sie den bekannten Hypnose, und übrigens hat er eine Professur an unserer Universität, diesen Bahnbrecher Dr. Andre Sarlui?“ – fährt er fort: „Vergibt Termine – für uns – auch Sonntags. Dauert nur eine halbe Stunde!“

„Und danach, Manderfeld, ich sage es Ihnen, ist es herrlich im Kopf. Sie können die Festplatte bestücken, mit was immer sie wollen. Sie sitzen dann in ihrem eigenen Kino!“

Manderfeld hatte sich also bereit erklärt am darauffolgenden Freitag Nachmittag mit den Herren Schrude, Kasten und Pohl zum Golfen zu gehen. Spontan hatte er am Mittwoch bei Dr. Sarlui die erste Sitzung erhalten.

Erstaunlich. Er wusste am Donnerstag nicht mehr, was er mit Dr. Sarlui im Einzelnen besprochen hatte.

Er fühlte sich erstaunlich frisch und entspannt. Er wunderte sich im Übrigen nicht einmal darüber, dass er sich so frisch fühlte, er bemerkte nur, dass er nahezu alle erlittenen Leiden der letzten Wochen (die Migräne, die Übelkeit, die Lichtscheue, seine Frau, die Kinder, die Allergien, die gastritischen Beschwerden, die orthopädischen Miasmen, die latente erektile Dysfunktion, seine Urlaubserinnerungen, den Tag seiner ersten Einschulung, sowie die Bedeutung all dieser Dinge) vergessen hatte.

Was aber Tatsache war: Er hatte richtig Lust zu golfen.

 

 

 

Komm, wir gehen

ins Bett sagte die Frau, denn sie fühlte Liebe. Im Badezimmer wusch sie sich und betrachtete im Spiegel ihr Gesicht. Sie rieb den beschlagenen Spiegel um sich zu sehen. Da rief schon der Mann nach ihr, wo bleibst du, komm! Eben war es so still gewesen, nur plätscherndes Wasser im Becken, so feine klappernde Geräusche, sonst nichts. Sie war mit ihren Gedanken und ihren Regungen schon ganz bei ihm gewesen, in ihrem späteren gemeinsamen Gewässer. Nun schien seine Stimme fremd, wie sie durch die verschlossene Badezimmertüre zu ihr drang. Sie schaute in seine Richtung. Ist es denn alles wahr, fragte sie sich, streckte sich nach einem Handtuch, das über der Wanne hing, umwickelte sich, denn sie war ja nackt.

Den Abend über hatten sie gemeinsam verbracht. Sie waren in einer Bar, die letzten am Tisch, die anderen Gläser leer. Sie hätten beinahe nichts geredet, so waren sie ineinander vertieft. Wie sehr sie ihn liebte, schaute in seine Augen, tief, hob ihr Glas und durch den runden Bauch ihres Glases schaute sie ganz auf ihn, neigte dann ihren Kopf nach hinten, trank. Ob er sie so liebte, wie sie ihn? Sie setzte das Glas am Tisch ab. Ob er auch diese Fragen kannte, die pausenlos aufschossen, wie zeitgeraffte Wolken? Ob er es kannte – und? Ob er sie liebe? Die Frau seufzte leise, aber sie erwähnte kein Wort aus dieser Richtung.

Die Tür ging auf, es trat ein lachendes, sich umarmendes Paar ein, verspielt, wie Kinder. Sie waren in tänzelnden Bewegungen, geschmeidig und sie nahmen den Platz am Nebentisch ein. Aufatmen. Der Mann berührte seine Begleiterin im Nacken, er zog er sie näher zu sich, küsste sie innig. Die Musik wurde leise gedreht.

Sie blickte auf ihre Füße, trocknete die Zehen einzeln, trocknete sich mit dem Handtuch ihr Gesäß. Sie stütze sich mit den Füßen am Wannenrand ab, gab etwas Öl auf ihre Hand und rieb sich, geduldiges Verstreichen. Ihre Pobacken hoben sich in Richtung ihres Rückens, leicht nur, gingen dann wieder abwärts. Sie fasste prüfend. Eine wogende Bewegung von Körperteilen. Später würde er sie berühren, anderswo und dort auch, überall, in langsamen und in schnellem Wechsel. Sie beugte ihr Kinn tief, schickte ein Lächeln ihren Körper entlang. Fragte sich, inzwischen abgetrocknet und in Unterwäsche, ob er jemals auch solche Gedanken hatte, fragte sich, ob er jemals genauso fühlte, wie sie. Sie kämmte ihr nasses Haar, musste den Kamm stark durchziehen, soviel Hindernis lag in ihrem Haar. Sie hörte nicht auf damit, bis sie glatt gestrichen waren.

In der Bar wurde leise gesprochen, man verstand kein Wort. Das Paar neben ihrem Tisch flirtete und berührte sich stets, sie hielten Augenkontakt, nah waren ihre Köpfe. Die Frau trug langes dunkelblondes Haar, das mit einer Haarklammer in der Mitte des Hinterkopfes zusammengehalten war. Die Spange hielt ihr Haar fest, nur ein paar Strähnen, wohl wegen des Küssens, umrahmten fein spurig ihr Gesicht. Sie schaute auf, als die Frau sie ansah.

Vor der Badezimmertür hörte sie Schritte, die stehen blieben und der Mann klopfte. Was machst du denn so lange, sagte er zärtlich, und drückte die Türklinke. Kommdoch,. Die Frau stand vor dem Spiegel und rückte an ihrer Frisur, im Spiegel sah sie, wie die Bewegung der Klinke nach unten und wieder nach oben ging. Sie mochte es, ihn ein bisschen auf sich warten zu lassen, nur noch einen kurzen Moment. Ein Lächeln huschte über ihr Gesicht. Ich komme gleich, sagte sie, ebenso zärtlich, dabei ging sie ganz nah zur Tür, legte ihre Hand an den Türgriff, so als ob es die seine schon wäre.

In den Augen der Frau sah sie ein Spiegelbild ihres Gewässers, in dem sie bereits zusammen eingetaucht fortschwimmen, so stark war die Anziehung. Sie nahm eine andere Position ein, verlegte ein paar Dinge auf dem Tisch, Menükarte von links nach rechts und spielte ein wenig am Glasrand, kreisende Bewegungen. Ihr Mann schaute ihr zu und folgte ihren Bewegungen. Sie fing an, die Konturen der blonden Frau mit allen Sinnen abzutasten, ganz wie es möglich war, an ihrem Mann vorbei. Sie blickte in das Gesicht, ein zweites Mal, entlang am Hals, vorbei an den Kleiderfalten, immer dorthin, wo sich die fremde Haut, wo sie die Farbe der Haut, wo sie die Bewegung des Atems an der Haut, das kleine Auf und Ab, sehen konnte. Sie konnte den Körper der Frau mehr als nur ahnen, sie wusste, er hatte von dem genauso viel, wie der ihre. Keine Scham war in ihren Augen, in ihren Blicken, die sich trafen war Stille und sie spürte diese kleinen konzentrischen Kreise, von denen sie beide in die wärmende Mitte genommen wurden. Die anderen Personen verschwanden aus dem Blickfeld, waren nur noch schemenhaft und verschwommen zu sehen, wie aus weiter Ferne zu hören, alles bei den Frauen war wach.

Sandra Fritz, März 2013